Folge 6: Sektorübergreifende Netzwerke als Möglichkeit modernste Molekulardiagnostik für alle Krebspatienten verfügbar zu machen - Prof. Dr. Hempel & Dr. Riedmann

Mélanie Moxhet

Dec. 1, 2020

PODCAST_DE

Prof. Dr. Hempel & Dr. Riedmann, OnkoMedeor

In dieser Episode des ONCOmmunity-Podcasts werden wir die Bedeutung der Vernetzung und die zunehmende Rolle molekularer Tumorboards diskutieren.

OnkoMedeor ist eine Gruppe von acht onkologischen Tageskliniken, die Tumorerkrankungen als ambulante Leistungen diagnostizieren und behandeln. OnkoMedeor ist Teil eines sehr starken Netzwerks, in dem sich Onkologen, Chirurgen, Radiologen, Pathologen und Molekularpathologen regelmäßig treffen und an Tumorboards teilnehmen.

Prof. Dr. Dirk Hempel, Geschäftsführer, und Dr. Kristina Riedmann, Leiterin der molekularen Tumorgremien der Gruppe, diskutieren die Bedeutung der Vernetzung.

Für Onkologen im niedergelassenen wie im Klinikumfeld wird es äußerst wichtig sein, ein sektorübergreifendes Netzwerk für die Implementierung von Molekulardiagnostik und molekularen Tumorboards zu etablieren. Diese (molekularen Tumorboards) werden zunehmend auch virtuell angeboten. Nur so wird die Präzisionsonkologie ihren Weg in eine breite, landesweite Patientenversorgung finden, welche wichtig ist, um letztendlich allen Patienten, ob auf dem Land oder in der Stadt, die Möglichkeit einer derartigen Diagnosik und Behandlung bieten zu können.

Moderator

0:04 Willkommen bei ONCOmmunity, dem Podcast zur molekularen Onkologie von ONCODNA. In dieser Ausgabe möchten wir uns auf das Thema Networking und die zunehmende Bedeutung molekularer Tumorboards konzentrieren. Dazu sprechen wir telefonisch mit Professor Dr. Hempel, Onkologe und Geschäftsführer von Onko-Medeor, und Frau Dr. Kristina Riedmann, Onkologin und Leiterin des molekularen Tumorboards bei Onko-Medeor und der Technischen Universität München.

Herzlich willkommen!

Prof. Dr. Hempel

0:33 Ja, herzlich willkommen auch von meiner Seite.

Dr. Kristina Riedmann

0:36 Auch von meiner Seite, auch vielen Dank, dass wir dabei sein können.

Moderator

0:39 Herr Professor Hempel, Sie leiten acht onkologische Zentren in Südbayern und pflegen eine sehr lebendige Verbindung zu den akademischen Einrichtungen in Ihrer Region. Können Sie bitte die Bedeutung der Vernetzung für Ihre Kliniken beschreiben?

Prof. Dr. Hempel

0:53 Die Onko-Medeor-Gruppe ist eine Gruppe aus acht ambulanten onkologischen Tageskliniken, und diese Tageskliniken sind meistens eingebettet in Krankenhäuser, sind aber selbstständig.

Wir führen in diesen Tageskliniken die ambulante Diagnostik von Tumorerkrankungen und die ambulante Therapie dieser Tumorerkrankungen durch. Und wir sind Teil eines sehr starken Netzwerkes. Wir sind beispielsweise Mitglied im zertifizierten Krebszentrum Dachau und nehmen dort regelmäßig den Part der Onkologen in Tumorboards, teil an diesen Tumorboards nehmen aber natürlich alle anderen Fachrichtungen – wie Chirurgen, Radiologen, Pathologen, auch Molekularpathologen – regelmäßig teil.

Dr. Kristina Riedmann

1:46 Ja, von meiner Seite aus, also die Frage, warum das wichtig ist, solche Netzwerke zu schließen: Ich denke, einer der Grundgedanken, der dem zugrunde liegt, ist, dass es möglich sein muss, jedem Patienten, egal ob er nun in einer Großstadt lebt oder ob er auf dem Lande lebt, Zugang einfach zu modernster Diagnostik, zu neuesten Therapien hat, und ich denke, es gibt so eine gute Möglichkeit, zum einen den niedergelassenen Onkologen zu haben, der für den einzelnen Patienten der vertrauensvolle Ansprechpartner ist, aber auf der anderen Seite dann auch vielleicht das universitäre Zentrum zu haben, das eben zum Beispiel die Möglichkeit auch von interdisziplinären Tumorboards bietet, in denen verschieden Experten aus verschiedenen Fachgebieten zusammentreffen und da letztendlich auch die Möglichkeit bieten, dann auch an ihrer Expertise teilhaben zu können.

Moderator

2:40 Sie haben bereits modernste molekulare Genomic-Tests in Ihre klinische Routine aufgenommen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Und was ich mir gar nicht so einfach vorstellen kann: Wie erklären Sie Ihren Patienten diese Themen?

Prof. Dr. Hempel

2:54 Ja, wir haben vor drei Jahren begonnen, routinemäßig molekulare Panel-Diagnostik bei metastasierten Tumorerkrankungen in die diagnostische Routine einzubauen. Wir sequenzieren ca. 1.000 Proben pro Jahr inzwischen und haben mit dieser Art der modernen Diagnostik sehr gute Erfahrungen gemacht.

Für uns ist es ein extrem wichtiger Bestandteil der Diagnostik und Therapiesteuerung bei der metastasierten Situation geworden, und wir führen eigentlich routinemäßig bei jedem Patienten mit einer metastasierten Erkrankung relativ früh im Erkrankungsverlauf, eigentlich mit der Diagnose einer metastasierten Erkrankung, bereits ein molekulares Profiling durch.

Natürlich werden die Patienten vor einer (not) möglicherweise notwendig werdenden Biopsie entsprechend aufgeklärt, und wir klären natürlich auch über die Sinnhaftigkeit der molekularen Diagnostik auf und besprechen mit den Patienten im Vorfeld die möglichen Optionen, die sich aus einer derartigen Diagnostik ergeben. Typisch zum Beispiel natürlich ist das Lungenkarzinom, wo diese Diagnostik heute State of the Art ist und wo wir sozusagen ja zwei ganz große, neue Therapielinien haben: zum einen die immunologische Therapie mit den Checkpoint-Inhibitoren, und zum anderen die therapeutischen Optionen, die sich aus der molekularen Diagnostik des Tumorgewebes ergeben.

Dr. Kristina Riedmann

4:37 Genau. Man muss ein bisschen unterscheiden zwischen molekularer Diagnostik, die am Anfang, also letztendlich bei Diagnosestellung, steht. Hier, genau wie Herr Professor Hempel bereits erwähnt hat, der nicht-kleinzellige Lungenkrebs zu erwähnen, wo letztendlich mittlerweile verschiedene molekulare Marker maßgeblich für die Wahl der Therapie herangezogen werden. Letztendlich darüber werden Patienten, zumindest im klinischen Alltag, würde ich behaupten, eher noch weniger aufgeklärt, erst dann, wenn wirklich die Therapie auch wirklich mit dem Patienten besprochen wird.

Ein anderes Beispiel ist aber auch, dass eigentlich bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen, die bereits die Standardoptionen ausgeschöpft haben, da treten wir in direkten Dialog mit den Patienten und besprechen die Optionen einer erneuten Biopsie und molekularen Aufarbeitung des Tumorgewebes, um dadurch vielleicht weitere Therapieoptionen zu schaffen, die auch jenseits der Leitlinien-Therapie liegen.

Allerdings ist es nicht ganz einfach, diese Sequenzierungsdaten, die man gewinnt durch diese molekularen Diagnostiken, dann auch auszuwerten. Und dafür benötigt es natürlich entsprechende Experten.

Moderator

5:55 Und wo finden Sie diese Experten und Partner?

Prof. Dr. Hempel

5:58 Ja, wir selber haben in der Gruppe inzwischen eine ziemlich gute Expertise entwickelt, was molekulare Tumorboards angeht. Wir selber führen bei uns alle zwei Wochen ein solches Tumorboard durch, wo die Molekularpathologen, Bioinformatiker und natürlich die Onkologen und alle beteiligten Fachrichtungen zugegen sind.

Frau Riedmann hat ja schon kurz das Beispiel Lungenkarzinom angeführt, wo im Prinzip molekulares Profiling bereits State of the Art ist bei der Diagnostik und auch bei der Therapiefindung von metastasierten Lungenkarzinomen.

Wir wissen aber auch aus den aktuellen Daten und auch aus den Initiativen beispielsweise der ESMO, dass diese Art der Diagnostik auch relativ schnell jetzt Einzug halten wird beispielsweise bei den gastrointestinalen Tumoren oder aber auch bei Brustkrebs, und wir glauben daher, dass es insbesondere auch natürlich für die niedergelassenen Onkologen und für die Routineversorgung extrem wichtig sein wird, möglichst bald ein Sektorenübergreifendes Netzwerk zur Implementierung dieser molekularen Diagnostik und zur Implementierung von molekularen Tumorboards zu organisieren.

Und aus unserer Sicht – das ist natürlich jetzt ein Thema, was auch die Corona-Zeit extrem beschleunigt hat – können hierbei auch moderne IT-Technologien sehr hilfreich sein, um praktisch diese moderne Art der onkologischen Behandlung in die Breite zu bringen.

Moderator

7:41 Welche entscheidenden Säulen sehen Sie für andere Privatpraxen, um molekulargenomische Tests in ihre klinische Routine einbeziehen zu können?

Prof. Dr. Hempel

7:52 Ich glaube, dass wir zum einen ein gutes Netzwerk benötigen – ein Netzwerk aus universitären Einrichtungen, aber eben auch die Kompetenz im niedergelassenen oder im ambulanten Bereich benötigen. Im Prinzip wird es so sein aus unserer Sicht, dass wir durch diese breiten Verfügbarkeiten molekularer Diagnostik die Möglichkeit schaffen werden, entsprechende Patienten zu identifizieren, die ihrerseits wiederum in spezielle Therapiestudien an die universitären Zentren überwiesen werden können, und diese Möglichkeit wird nur dadurch praktisch gegeben sein, dass wir molekulare Diagnostik wirklich breit verfügbar haben und dass letztendlich jeder Patient, ob er nun auf dem Land oder in der Stadt wohnt, in den Genuss einer derartigen Diagnostik und Therapie kommt.