Folge 1: Der Nutzen umfangreicher genomischer Tests in der onkologischen Routinepraxis - Dr. Beer

Mélanie Moxhet

Dec. 1, 2020

PODCAST_DE

Dr. Beer, Arzt, Wissenschaftler und Experte für Präzisionsonkologie (UK)

Historisch gesehen wurden die ersten Biomarker bei Krebspatienten auf individueller Ebene mittels PCR getestet. Da wir immer mehr Therapie-relevante Biomarker kenn en, ist ihre parallele Testung mittels NGS ein wesentlicher Bestandteil der molekularen Krebsdiagnostik geworden. Auch die Größe der Genompanels nimmt stetig zu.

Dr. Philip Beer ist ein renommierter Arzt, Wissenschaftler und Experte für Präzisionsonkologie aus Großbritannien. In dieser ersten Folge des ONCOmmunity-Podcasts wird er seine Meinung und Erfahrung zu diesem Trend mit Ihnen teilen.

Er wird die Vorteile der Durchführung eines einzelnen umfangreichen genomischen Tests anstelle mehrerer kleiner Gensequenzierungsassays veranschaulichen und erörtern, warum der optimale Zeitpunkt für die Durchführung umfangreicher genomischer Tests bei Krebspatienten bereits zu Beginn ihres klinischen Behandlungswegs, idealerweise mit der Erstdiagnose, ist.

Es gibt vielversprechende Anwendungen der Flüssigbiopsie, die aktuell noch in klinischen Studien untersucht werden und noch nicht für die klinische Routine bereit sind, aber wahrscheinlich in den nächsten Jahren Eingang in die klinische Routinepraxis finden werden und daher im Auge behalten werden sollten“, schließt er unser Expertengespräch in Bezug auf weitere Technologien über die gewebebasierte Testung hinaus.

Moderator

0:06 Willkommen bei ONCOmmunity, dem Podcast zur molekularen Onkologie von ONCODNA. In dieser Podcast-Folge möchten wir einige Aspekte der molekularen Diagnostik und Genomik bei Krebs besprechen. Daher freuen wir uns, Dr. Philip Beer, Arzt, Wissenschaftler und Experte für Präzisionsonkologie, telefonisch aus Großbritannien begrüßen zu dürfen.

 

Dr. Beer

0:29 Es ist schön hier zu sein.

 

Moderator

0:30 In der Vergangenheit wurden die ersten Biomarker bei Krebspatienten einzeln mittels PCR getestet. Mit zunehmendem Wissen über immer mehr relevante Biomarker ist deren parallele Testung über NGS ein wesentlicher Bestandteil der molekularen Krebsdiagnostik geworden.

 

Auch die Größe der Gen-Panels nimmt ständig zu. Können Sie uns Ihre Meinung und Erfahrung zu diesem Trend veranschaulichen?

 

Dr. Beer

0:59 Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die Verwendung großer umfassender Assays für Patienten von Vorteil ist. Wenn Sie an Krebserkrankungen wie Lungenkrebs denken, für die eine Reihe verschiedener Biomarker mit zugelassenen Therapien existieren, kann die Anwendung eines einzigen Assays, bei dem alle diese Biomarker gleichzeitig erfasst werden, kostengünstiger sein. Es spart auch Zeit. Und zudem wird das Gewebe des Patienten besser genutzt.

 

Eines der Probleme bei der Durchführung mehrerer verschiedener Einzeltests besteht nämlich darin, dass das Gewebematerial erschöpft sein kann, insbesondere bei Krebsarten wie Lungenkrebs, bei denen die Biopsien häufig klein sind.

 

1:43 Durch den Einsatz eines einzigen Assays wird sichergestellt, dass die Patienten alle erforderlichen Tests erhalten, die Sie benötigen, um sowohl über die Standard-Therapie informiert zu sein, als auch über klinische Studien, für die sie möglicherweise in Frage kommen.

 

Die Verwendung eines einzigen umfassenden Assays ermöglicht auch die Einbeziehung seltener Biomarker wie Mikrosatelliteninstabilität oder NTRK-Fusionen. NTRK-Fusionen bei gängigen soliden Tumoren sind sehr selten und treten in etwa in nur 0,5 Prozent der Fälle oder sogar weniger auf.

 

2:20 Die Durchführung eines speziellen Einzel-Assays zum Auffinden von NTRK-Fusionen bei Patienten mit soliden Tumoren ist daher nicht wirtschaftlich, wohingegen solche Tests als Teil eines umfassenden Assays eingeschlossen werden können, ohne dass wesentliche Kosten hinzukommen.

 

Gleiches gilt für die Mikrosatelliteninstabilität, bei der für eine Reihe von Tumortypen die Prävalenz nur 1 oder 2 Prozent beträgt. Daher ist die Durchführung eines speziellen Assays zur Identifizierung dieser Patienten nicht kosteneffektiv, wohingegen jeder entsprechend konzipierte genomische Assay eine mikrosatelliten-instabile Erkrankung erkennen kann, ohne dem Assay zusätzliche Kosten hinzuzufügen.

 

3:03 Ein weiterer wichtiger Biomarker ist die Tumormutationslast. In den USA wurde kürzlich ein Medikament für die Checkpoint-Inhibitor-Therapie unabhängig vom Tumor-Typ, für alle Tumore, deren Tumormutationslast über einem bestimmten Wert von 10 Mutationen pro Megabase liegt, zugelassen.

 

Um die Tumormutationslast genau abzuschätzen, muss etwa 1(eine) Megabase DNA sequenziert werden, um gute Vorhersagen zu erhalten.

 

Dies entspricht also wieder ungefähr der Größe eines umfassenden Genomprofil-Assays, wie sie in der klinischen Praxis verwendet werden. Diese zusätzliche Biomarker-Information über die Tumormutationslast wird durch diesen Ansatz im Wesentlichen kostenlos bereitgestellt.

 

Moderator

3:55 Könnten Sie bitte näher erläutern, wann solch umfassenden Tests auf dem klinischen Behandlungsweg am besten zeitlich abgestimmt sind?

 

Dr. Beer

4:08 Der optimale Zeitpunkt für ein umfassendes molekulares Profiling für Patienten mit metastasiertem Krebs liegt bei der Erstdiagnose. Auf diese Weise können der Arzt und der Patient zu Beginn der Behandlung über alle Informationen verfügen, um Biomarker zu identifizieren, für die es bereits zugelassene Therapien gibt,  Biomarker, die mit Therapien verbunden sind, die derzeit zugelassen werden oder Biomarker für Arzneimittel in der klinischen Entwicklung.

 

Wenn all diese Informationen bei der Diagnose vorliegen, können der Arzt und sein Patient von Beginn an den Behandlungsweg basierend auf zugelassenen Therapien planen und bis hin zu einer möglichen Teilnahme an einer klinischen Studie abwägen.

 

4:54 In manchen Fällen werden Biomarker entdeckt, für die es Arzneimittel gibt, die bereits vielversprechende Ergebnisse in klinischen Studien zeigen. In dieser Situation könnte der Patient entscheiden, dass er schon früher in seinem Behandlungsverlauf in eine klinische Studie aufgenommen werden möchte, um von Medikamenten zu profitieren, die eine gute Wirkung zeigen könnten.

 

5:18 Das Problem, das wir in der klinischen Praxis häufig haben, besteht darin, dass klinische Studien und molekulares Profiling nur dann durchgeführt werden, wenn der Patient keine Standardoptionen mehr für die Therapie hat. Und zu diesem Zeitpunkt ist es oft zu spät, um eine geeignete klinische Studie zu finden, weil es dem Patienten nicht mehr so ​​gut geht.

 

Der beste Zeitpunkt, um diese Art von Tests durchzuführen, ist also bereits bei der Diagnose, damit der Patient und sein Arzt von Anfang an die gesamten Behandlungsmöglichkeiten in den Blick nehmen können.

 

Moderator

6:05 Dies sind in der Tat einige sehr gute Argumente, um Krebstherapien zu optimieren und Behandlungsentscheidungen auf individueller, personalisierter Ebene zu treffen. Möchten Sie in diesem Zusammenhang bestimmte Technologien nennen?

 

Dr. Beer

6:24 Die Verwendung einer Flüssigbiopsie beziehungsweise die Analyse zirkulierender Tumor-DNA zum umfassenden Profiling von Tumoren ist derzeit sehr aktuell. Die Verwendung von Flüssigbiopsien kann als Alternative zur Tumorsequenzierung gesehen werden. Sie ist weniger invasiv, es ist einfacher, an die Probe zu gelangen und oft einfacher zu verarbeiten.

 

Der Hauptnachteil der Verwendung einer Flüssigbiopsie bei Diagnose ist allerdings eine verringerte Sensitivität. Unabhängige Studien haben gezeigt, dass Analysen von Flüssigbiopsien etwa 30 Prozent der im Tumor vorhandenen Mutationen übersehen.

 

7:07 Folglich ist bei der Erstdiagnose oder wenn der Patient zum ersten Mal ein umfassendes genomisches Profiling erhält, die Verwendung einer Gewebeprobe optimal.

 

Wo eine Flüssigbiopsie nützlich sein kann, ist bei Patienten mit fortschreitender Erkrankung, insbesondere bei Patienten, die eine molekular zielgerichtete Therapie erhalten haben, wie z. B. einen EGFR-Inhibitor für Lungenkrebs, oder eine hormongesteuerte Therapie, wie bei Brustkrebs oder Prostatakrebs.

 

7:38 Und hier kann die Analyse der zirkulierenden Tumor-DNA nützlich sein, um genomische Veränderungen zu erkennen, die mit einer Resistenz gegen eine gezielte Therapie verbunden sind. Diese Informationen können dem Arzt helfen, die nächste Therapieoption zu wählen.

 

Da Resistenzmutationen gegen eine gezielte oder hormongesteuerte Therapie in einer kleinen Anzahl von Zellen im Tumor auftreten, das heißt subklonal sind, ist eine Flüssigbiopsie möglicherweise die beste Art, um diese Informationen zu erfassen. Der Grund dafür ist, dass die Flüssigbiopsie DNA von allen Tumorstellen im gesamten Körper, einschließlich des Primärtumors und der Metastasen, enthält.

 

Eine weitere potenziell interessante Anwendung der Flüssigbiopsie ist die Erkennung einer minimalen Resterkrankung nach einer Operation bei Patienten mit lokalen Erkrankungen wie Darm- oder Brustkrebs.

 

8:37 In dieser Situation kann die Identifizierung eines möglichen Resttumors via Flüssigbiopsie dafür verwendet werden, dem Arzt bei der Entscheidung zu helfen, ob der Patient von einer adjuvanten Chemotherapie profitieren kann oder nicht.

 

Diese vielversprechende Anwendung der Flüssigbiopsie, die aktuell noch in klinischen Studien untersucht wird und noch nicht für die klinische Routine bereit ist, wird aber wahrscheinlich in den nächsten Jahren Eingang in die klinische Routinepraxis finden und sollte daher im Auge behalten werden.

 

Moderator

9:20 Vielen Dank, Dr. Beer, für Ihre Erkenntnisse und Erklärungen. In den nächsten Folgen von ONCOmmunity, dem Podcast zur molekularen Onkologie von ONCODNA, werden wir einen genaueren Blick hinter die Kulissen der molekularen Genomiktests werfen.